Stromnetz unter Druck: Warum Deutschlands Reservekraftwerke in der Krise stecken
Miriam WolfStromnetz unter Druck: Warum Deutschlands Reservekraftwerke in der Krise stecken
Deutschlands Stromsystem steht vor Herausforderungen, da ältere Kraftwerke vom Netz gehen, während die Reservekapazitäten unsicher bleiben. Derzeit hält das Land eine "strategische Reserve" von 2,6 Gigawatt (GW) an Bereitschaftskraftwerken für Notfälle vor. Doch Energieunternehmen und Branchenverbände drängen auf Änderungen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten – insbesondere, da Kohle- und Gaskraftwerke gemäß den Ausstiegsplänen schrittweise abgeschaltet werden.
Bis Anfang 2026 werden voraussichtlich 15 bis 20 GW an konventioneller Kapazität – größtenteils Kohle und Gas – stillgelegt oder in die Reserve verlegt. Betroffen sind unter anderem große Standorte wie die Braunkohlekraftwerke Neurath und Niederaußem von RWE in Nordrhein-Westfalen sowie die LEAG-Anlagen in Boxberg und Jänschwalde in der Lausitz.
Das aktuelle "Energy-Only"-Marktmodell macht es für Reservekraftwerke schwierig, wirtschaftlich zu bleiben. Viele Betreiber argumentieren, dass ohne finanzielle Anreize kaum ein Grund bestehe, ältere Anlagen am Laufen zu halten. Die Energieversorger fordern die Bundesregierung auf, sie für die Vorhaltung von Reservekapazitäten zu entschädigen – ein System, das als Kapazitätsmechanismus bekannt ist.
E.ON und RWE kritisieren, dass die aktuellen Marktbedingungen Investitionen in neue Kraftwerke hemmen. Sie warnen, dass ohne Reformen bei Spitzenlastzeiten Versorgungsengpässe drohen. Gleichzeitig schlägt der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) vor, die strategische Reserve durch flexiblere Gasturbinen zu erweitern.
Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel lehnt jedoch die Einführung eines Kapazitätsmarktes ab, bei dem Kraftwerke allein für ihre Verfügbarkeit bezahlt werden. Die Bundesnetzagentur muss nun prüfen, ob die Stilllegung bestimmter Anlagen zu Stromausfällen führen könnte. Trotz der Ablehnung besteht E.ON darauf, dass die Debatte über Kapazitätszahlungen weitergehen werde, da das Stromnetz unter zunehmendem Druck stehe.
Zu den betroffenen Anlagen zählen unter anderem das Gaskraftwerk Moorburg in Hamburg sowie mehrere Braunkohleblöcke in Ostdeutschland. Die Betreiber betonen, dass diese Standorte weiterhin entscheidend für die Netzstabilität seien – selbst während Deutschlands Energiewende voranschreitet.
Der Streit um die Vergütung von Reservekapazitäten zeigt das Spannungsfeld zwischen Marktökonomie und Versorgungssicherheit. Angesichts der Gefahr, dass 15 bis 20 GW an konventionellen Kraftwerken vom Netz gehen, muss Deutschland Kostenbedenken und die Notwendigkeit zuverlässiger Backup-Kapazitäten in Einklang bringen. Da die Bundesregierung einen Kapazitätsmarkt ablehnt, suchen die Energieversorger nach alternativen Lösungen, um unverzichtbare Kraftwerke am Laufen zu halten.






