07 May 2026, 12:14

Halberstadts verlorene jüdische Vergangenheit: Wie die DDR das Erbe verdrängte

Metallplatte an der Seite eines Gebäudes mit der Inschrift "Adolf Joseph"

Halberstadts verlorene jüdische Vergangenheit: Wie die DDR das Erbe verdrängte

Halberstadts jüdische Geschichte wurde lange vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs systematisch zerstört. Bereits 1938 fiel die Synagoge der Stadt den gewaltsamen Novemberpogromen zum Opfer – der Beginn einer gezielten Auslöschung. Jahrzehnte später begannen Forscher und Autoren zu rekonstruieren, wie die DDR mit diesem Erbe umging – oder es ignorierte.

Ein zentraler Ort war einst die heutige Rathaustraße, das einstige Herz des jüdischen Lebens, das später zum kommerziellen Zentrum der Stadt umgebaut wurde. Gleichzeitig formierten sich Bemühungen, die Vergangenheit zu bewahren – oft jedoch unter politischen Vorgaben.

Der Untergang der jüdischen Gemeinde Halberstadts begann am 9. November 1938, als die Synagoge während der reichsweiten Pogrome niedergerissen wurde. Pfarrer Martin Gabriel betonte 1982, dass dieser Angriff – nicht der Luftangriff von 1945 – den eigentlichen Beginn der Zerstörung der Stadt markierte.

Schon 1949 entstand am Standort des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt eine Gedenkstätte, die zunächst an die Opfer der Zwangsarbeit erinnerte. Doch ihre Bedeutung verschob sich: 1969 wurde sie als Ort für politische Kundgebungen umgestaltet, vor allem für Jugendliche, die der DDR ihre Treue schworen. Die unterirdischen Stollen des Lagers, einst Schauplatz des Leidens, dienten ab den 1970er-Jahren als militärisches Depot der Nationalen Volksarmee.

Das kulturelle Gedächtnis in der DDR blieb bruchstückhaft. Die niederländische jüdische Widerstandskämpferin Lin Jaldati zog 1952 nach Ost-Berlin und nahm dort drei Schallplatten auf. Doch nach dem Sechstagekrieg 1967 verschwanden ihre Auftritte aus dem Staatsfunk – bis Mitte der 1970er-Jahre. Literatur wie Jakob der Lügner von Jurek Becker oder Die Bilder des Zeugen Schattmann von Peter Edel boten seltene jüdische Perspektiven, blieben aber Ausnahmen statt Teil einer breiteren Anerkennung.

Der Historiker Philipp Graf zeigt in seiner Forschung, etwa im Buch Verweigerte Erinnerung, wie die DDR jüdisches Erbe trotz vereinzelter kultureller Spuren weitgehend tilgte. Seine Arbeit offenbart die Kluft zwischen dem antifaschistischen Anspruch des Staates und dem Versagen, jüdische Geschichte in Städten wie Halberstadt zu bewahren.

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Das Erbe der jüdischen Gemeinde Halberstadts lebt heute in verstreuten Mahnmalen, literarischen Werken und historischen Studien weiter. Die Gedenkstätte von 1949, die umgenutzten Stollen, die neu erbaute Rathaustraße – sie alle sind stumme Zeugen einer fast vergessenen Vergangenheit. Grafs Erkenntnisse und die wenigen erhaltenen kulturellen Werke belegen, wie politische Entscheidungen in der DDR das Gedenken prägten – oder unterdrückten.

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